Miteinander im Gries oder Wie ich lernte, das bunteste Viertel in Graz noch mehr zu lieben

Die Manufaktur

Abschlussbericht eines Mitarbeiters der Manufaktur

Man verbringt aufgrund der Lage des eigenen Wohnortes oder Arbeitsplatzes täglich eine gehörige Portion Zeit in einem Areal, das einem bei genauerer Betrachtung in mancherlei Hinsicht weitgehend unbekannt erscheint. Nun addieren wir noch die Aspekte der Kulturvielfalt, wirkliche und ernsthafte Einkaufsmöglichkeiten und architektonische Varietät, und schon entsteht im Alltag ein Ort, bei dem sich eine Entdeckung und ein Kennenlernen sicher lohnen würde... vor allem, weil man selber ein Teil davon ist. Vielleicht gar eine Aufforderung, nur einmal, ein einziges Mal, nicht blind durch die Welt zu laufen und nach getaner Arbeit zurück in die längst bekannten eigenen vier Wände zu huschen, sondern den Entdeckungsdrang zu entfachen und sich tief ins Unbekannte zu stürzen? Und somit war die Idee für ein Gemeinschaftsprojekt geboren, das sich insgesamt über eine Dauer von 6 Monaten erstreckte.

 Der Ausgangspunkt war natürlich gegeben, denn gerade der  Manufaktur liegt eine Vernetzung mit anderen Geschäften in Gries am Herzen, um sich als zentrale Figur mit dem Gedanken des „Geben & Nehmen" und der Philosophie der Nachhaltigkeit, des Umweltschutzes und der Ressourcenschonung vorzustellen und Gleichgesinnte ausfindig zu machen. Dabei war unsere Tätigkeit keinesfalls missionarisch, sondern demografisch und informativ. Dieses Kennenlernen formte sich daraus, mit Geschäftsführer*innen verschiedenster Betriebe und Läden Interviews zu führen und sowohl Kenntnisse über deren Geschichte in Graz - und hier speziell in Gries - zu erfahren als auch uns als Mitarbeiter der Manufaktur mitzuteilen und von unserer Geschichte und Tätigkeit zu sprechen.

Ich muss gestehen, mir ging dieser Gedanke der Vernetzung natürlich besonders nahe und nicht erst seit ein paar Wochen, da ich seit 30 Jahren in diesem Viertel lebe. Und auch, wenn ich meine geografische Kenntnis in Gries als fortgeschritten bezeichnen würde, so fehlen mir doch noch viele Bezüge zu Ladenbesitzer*innen, Büros und auch zu der niemals enden wollenden Kulturvielfalt.

Wenn ich an Gries denke, führt kein Weg am Thema „Integration" vorbei, und hier wiederum erinnere ich mich besonders an ihre Anfänge. Der große „Diebstahl" der Einzelhandelsgeschäfte der Annenstraße in den 1970er-Jahren, der auf den am Stadtrand entstehenden Einkaufszentren basierte, ist mir im Gedächtnis, wenn ich an das heutige, interessante, mit bunten Läden gespickte Straßenbild denke. Weil der Standort nicht mehr lukrativ genug war, verließen damals viele Geschäftsinhaber*innen die Annenstraße, was wiederum zu günstigeren Mieten führte. Leistbare Mieten klingen heutzutage allgemein wie ein utopische Fantasie, jedoch waren es eben diese Orte, die als Ankerpunkt für Geflüchtete attraktiv waren und jene somit die Annenstraße wiederbelebten und die Läden wieder füllten.

Und so machten sich mein Kollege und ich mit vier Beinen und fünf Sprachen im Gepäck auf zu unserer Expedition von der Annenstraße bis zum Citypark, um den Menschen von der Manufaktur sowie von deren Kernthema „Nachhaltigkeit" zu erzählen, und die Gegend kennenzulernen. Natürlich war auch mein Mitstreiter und Kollege bei diesem Projekt ein Tür- und Toröffner. Er verfügt nicht nur über Wissen, wenn es um Geschäfte und Menschen in diesem Viertel geht, zu dem man sonst wenig Zugang hat, auch seine Mehrsprachigkeit erwies sich hierbei als Geschenk. Von der afrikanischen Szene über Indien bis nach Afghanistan verteilten sich unsere neuen Bekanntschaften; dabei waren unsere vorher zusammengestellten Fragebögen mit einem Infoblatt über die Manufaktur Journalistenausweis und Eintrittskarte in diese Welt zugleich.

Aber selbst bei aller Neugier ist auch mir bequemes Desinteresse nicht fern, wenn ich an einem Laden mit Migrationshintergrund vorbeilaufe und mir im ersten Moment ein kleiner Seufzer entweicht, weil ich nicht wirklich glaube, dass das Betreten dieses Ladens mir sonderlich aufschlussreich erscheinen wird. Trotzdem ist meine Neugier zu groß: Ich unterhalte mich mit dem Besitzer und bin doch schnell entzückt. Es stellt sich heraus, dass diese Person schon in der dritten Generation drei Läden in der Annenstraße führt und sich im Laufe der Jahre etabliert hat. Es sind diese Beispiele, bei der ich mir wieder der Tatsache bewusst werde, dass der eigene Bauch manchmal nur Blödsinn im Kopf hat. Und diese Läden sind bei weitem keine Einzelfälle, denn immer wieder höre ich von Geschäften, deren Ursprung in den 1970er-Jahren verwurzelt ist. Aber natürlich haben diese Läden auch ihr Leid zu klagen: Wenn man daran denkt, dass sich Geschäfte oder Gastro-Unternehmen auf kleinstem Raum mit den immer selben Angeboten in Sphären wagen, die ein Überangebot darstellen und sich irgendwann nicht mehr als lukrativ erweisen können, ist der Traum von einer besseren Zukunft natürlich ein durchgespieltes Konzept, da sich die Originale, von denen hier die Rede war, als renommiert be- und erwiesen haben.

Doch gerade auch die alteingesessenen österreichischen Betriebe, die mitunter seit über 100 Jahren hier sind, waren fest eingeplante Besuchsziele. Ich würde diese Gespräche als die längsten bezeichnen, die ich im Zuge meiner Arbeit führen durfte, denn mein nicht enden wollender Wissensdurst und die Gesprächsbereitschaft Inhaber*innen, wenn es um die Geschichte und den Wandel des Viertels über lange Zeit hinweg ging, erwies sich als äußerst positiv. Auch unsere Motivation zum Besuch der Betriebe im Hinblick auf das Thema Nachhaltigkeit und die Idee eines gegenseitigem Kennenlernens stieß auf viel positives Interesse.

Durchaus räumen viele unserer Interviewpartner*innen auch mit der Kneipenmentalität einer Aussage wie „Früher war alles besser!" auf, indem sie erzählen, dass das Griesviertel gerade damals einem nicht unbedingt sympathischen Milieu zuzuordnen war, weshalb sie im Vergleich zu früher eine eher positive Entwicklung wahrnehmen und heute eigentlich mehr denn je motiviert sind, Vereine zu gründen und sich gemeinsam für das Viertel zu engagieren. Auch bei den Kulturvereinen, Literaturclubs und Engagements für/gegen die Bauvorhaben der Stadt in Gries kommt einem schnell das kleine Wort „bunt" wieder ins Gedächtnis. Geschäftsführer*innen mit völlig unterschiedlichem Kernwissen aufgrund ihrer Profession gründen oder nehmen teil an, man möchte fast sagen, für sie untypischen Kommunalereignissen.

Auch über die kleinen, schon lange existierenden Läden muss ich etwas schreiben, da ich seit jeher interessiert bin, wie sich diese Geschäfte, welche äußerst spezifische Themen und Hobbys bedienen, eigentlich ihre Existenz bewahren. Die Antwort erscheint verwunderlich, aber nichtsdestoweniger logisch: Mit ausreichendem Umsatz. Der in diesen Fällen dann eben nicht nur aus Graz und Umgebung kommt, sondern aus ganz Österreich. Wollen wir also von Bewährtem reden, ist dies sicher ein seriöser und zugleich nostalgischer Anhaltspunkt!

Somit bleibt noch ein wichtiges Thema offen: Wie steht es denn nun um die Nachhaltigkeit, ihren Fortschritt und ihre Akzeptanz in den Köpfen der Menschen? Dabei spielt zur nicht allzu großen Verwunderung die Demografie eine wichtige Rolle, denn eine Veränderung beginnt mit der Bereitschaft zu einem Umschwung beim Herkömmlichen. Auch bei Menschen mit Migrationsgeschichte und aus ärmeren Verhältnissen ist das Thema „Nachhaltigkeit" in diesem Stadtgebiet durchaus ins Bewusstsein gelangt  und tritt immer öfter zutage, jedoch ist die praktische Umsetzung noch ein meist ruhender und weniger dringlicher Bereich inmitten der vielen „Baustellen", die jene Menschen zu bearbeiten haben. Bewegt man sich nun aber wieder mehr in Richtung Lendkai, gibt es speziell dort viele kleine Läden, deren Kommunikation sich in puncto Nachhaltigkeit, wie z. B. beim Umgang mit Verpackungsmaterial und im Hinblick auf die Wiederverwendbarkeit von Möbeln, bereits etabliert hat. Zusammenfassend muss man sagen, dass der Begriff „Nachhaltigkeit" nicht mehr wegzudenken ist und sich die Bedeutung des Umweltschutzes in den Köpfen der Menschen, egal aus welchem Background, zusehends einprägt.

Zu guter Letzt: Mir ist durchaus bewusst, dass manche Menschen Gries eher negativ darstellen, und zwar genau in dem Sinne, dass Schönes nicht bewahrt wird... Zumindest ich kann darüber nur kopfschüttelnd lächeln, denn ich bin in der Lage, nach diesem Besuch in 30 Ländern schätzen zu können, was uns allen hier geboten wird. Immanuel Kant hat einmal gesagt: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit." Bei mir bedurfte es keiner großen Überzeugung mehr, aber doch wandle ich von nun an aufgeklärter als je zuvor durch meine geliebten Straßen.

 Infoblatt "Miteinander im Gries" zum Download

Infoblatt Manufaktur MIG
Infoblatt Manufaktur MIG© Die Manufaktur
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